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Beitr├Ąge von Susanne Gupta

Meldung aus dem Exil

Wenn man mich fragt, wer ich sei, dann beginne ich meine Vorstellung gerne mit der Bezeichnung Wirtschaftsmigrantin aus dem Prenzlauer Berg. Ich liebe mein neues Leben hier ÔÇ×untenÔÇť in K├Âpenick. Seit meinem Umzug 2018, haben ganz andere Dinge mein Leben bereichert (nat├╝rlich hatte ich nach 21 Jahren im Prenzlauer Berg als Wessi-Wei├čensee-Absolventin einiges an ├ängsten beim Umzug hierher). Mit der Migration meiner Kleinfamilie nach Treptow-K├Âpenick, bin ich in erster Linie blo├č der – je nach Sichtweise: mutigen oder verzweifelten – Vorhut von Kolleg:innen hinterher gezogen, die bereits in der (ich nenne es jetzt mal: ersten) Verdr├Ąngungswelle von Arbeitsr├Ąumen hier Ateliers und teilweise Wohnraum gefunden haben.

Wenig ├╝berraschend war ich demnach nicht die erste, die die Vorz├╝ge eines viel entspannteren gr├╝neren und luftigeren Lebens und Arbeitens hier sch├Ątzen gelernt hat. Die Investor:innen haben das schon vor gut 10 (ach was: 20!) Jahren bemerkt und kauften im gro├čen Stil hier Industriebrachen auf. Prima Steuersparmodelle. Die sollen nun entwickelt werden. Und jetzt sind hier hunderte von Ateliers, wenn nicht sogar akut, so doch mittelfristig bedroht.

Das Gl├╝ck hier in Treptow-K├Âpenick ist, dass ich schnell sowohl alteingesessene ÔÇ×OstÔÇť-Kolleg:innen als auch j├╝ngere K├╝nstler:innen kennengelernt habe, und dass wir uns unfassbarer Weise tats├Ąchlich vernetzt haben. Es hat sich ein Netzwerk Ateliergemeinschaften Treptow-K├Âpenick (NWAGTK) gegr├╝ndet, wir haben Workshops mit Politiker:innen und Mitarbeiter:innen der verschiedenen Verwaltungen (Kultur, Stadtentwicklung, Wirtschaftsf├Ârderung, BauÔÇŽ) veranstaltet und sind wild entschlossen das Terrain nicht aufzugeben.

Und so m├Âchte ich euch Kolleg:innen da oben ÔÇ×in der StadtÔÇť (wie man hier manchmal aus Versehen sagt) zurufen: wir erreichen nur etwas, wenn wir uns alle zusammentun! Wir k├Ânnen uns zwar immer auf die Schultern klopfen, wenn einzelne und akut bedrohte Ateliergemeinschaften sich zusammenraufen und den Aufstand proben, Aktionen starten, die Politik in die Pflicht nehmen und manchmal damit durchaus erfolgreich sind. Aber wenn immer nur Feuerwehr gespielt wird, um bestenfalls einzelne Standorte zu sichern, dann ist das in etwa so, als wenn – um beim traurigen Bild zu bleiben – einzelne Brandherde gelegentlich gel├Âscht werden, aber die strukturellen Herausforderungen f├╝r gro├čfl├Ąchige Br├Ąnde immer die gleichen bleiben, und schlimmstenfalls Politiker:innen und Verwaltungen das Gef├╝hl haben, ja bereits alles zu tun und/oder Investor:innen sich mit ihren kulturell aufgewerteten Immobilien noch mehr Mieteinnahmen ausrechnen.

Leute! Wir m├╝ssen uns alle in allen Bezirken zusammentun! Wir m├╝ssen uns vernetzen! Wir m├╝ssen uns f├╝r nachhaltigere Strukturen einsetzen. Wir m├╝ssen tats├Ąchlich auch vermitteln, was wir mit unseren Arbeitspl├Ątzen in den Kiezen f├╝r zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt leisten und wie wir diese bereichern! Wir m├╝ssen erkl├Ąren, dass die niedrigschwelligen kulturellen Angebote im Umland bald attraktiver als die in Berlin sind, dass Offene Ateliers in einigen Jahren vermutlich nur noch in Frankfurt/Oder, Wriezen, Forst oder Baruth stattfinden. Weil einfach niemand von uns mehr hier sein kann. Und die, die es sind, soviel ÔÇ×anschaffenÔÇť gehen m├╝ssen, damit sie ihre Ateliers halten k├Ânnen, dass sie kaum noch zu ihrer Arbeit, ganz zu schweigen von weiterem Engagement, kommen.

Das Atelierf├Ârderprogramm kann nur ein Teil der strukturellen F├Ârderung sein. Wir brauchen jetzt wirklich einen Neustart. Und den k├Ânnen wir nur selber herbeif├╝hren. Wir sind ein echter Wirtschaftsfaktor (und dabei meine ich nicht den ersten und den zweiten Kunstmarkt, auf dem die Inverstor:innen, die uns durch die Wertsteigerung ihrer Immobilienportfolios vor sich herjagen, um dann Teile ihrer Gewinne in Kunst zu INVESTIEREN). Wir schaffen ganz andere Mehrwerte. Und die m├╝ssen wir verteidigen. Ich w├╝nsche uns allen, dass wir begreifen, was nicht nur f├╝r uns und unsere Stadt, sondern auch f├╝r die Stadtgesellschaft auf dem Spiel steht. Und dass wir die Initiative ergreifen ÔÇô mit einander und f├╝reinander.

Wenn wir hier in Treptow-K├Âpenick so weiter machen, dann werdet ihr bald von uns h├Âren und dann solltet ihr dabei sein und eure Bezirkspolitiker:innen mitnehmen, wenn wir dann alle gemeinsam mit dem Senat und ja: mit Investor:innen neue Wege finden.

Jep! So wird es werden!

Gr├╝├če aus K├Âpenick!

Foto: Veronika Wagner, 2021 Workshop Salon #4 Raumverstehen mit KIM, NWAGTK und Politiker:innen und Verwaltungsmitarbeiter:innen aus Bezirk und Land, BBK u.v.m. in den Treptow-Ateliers

Mehr Informationen: post (at) stefka-ammon.de