Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang noch der Begriff des Traditionellen?
Er ist nicht mehr so stark klassifiziert wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, aber wir sprechen ja immer noch von traditioneller Kunst oder traditionellen Riten. Das ist vor allem für den Tourismus wichtig. Aber dass diese sogenannte traditionelle Praxis auch eine zeitgenössische Weise des Lebens ist, die auf eine andere Weise lebt und nicht in dem europäischen Fortschrittsparadigma aufgeht, sondern eine andere Beziehung zu Land, zu Wasser, zu Menschen, zu Tieren aufrechterhalten hat, wir heute wieder wichtig. Jetzt wird eher gefragt, welches Wissen wurde eigentlich damals praktiziert? Was waren die Formen von Koexistenz auf diesem Planeten von unterschiedlichen Lebensformen? Dieses Wissen würden wird heute als viel progressiver beurteilen, nicht als progressiv im Sinne eines technologisch wissenschaftlichen Fortschritts, sondern in der Weise der Erhaltung der Ressourcen, des Zusammenlebens, der Koexistenz auf diesem Planeten. Vielleicht sollte der Kunstbegriff für eine Weile abgeschafft werden, um zu schauen, was an sinnlich materiellen oder materiellen intellektuellen Praktiken auf dieser Welt passiert, um diese Hierarchien nicht permanent wieder aufzumachen.
Was verstehe ich eigentlich unter zeitgenössischer Kunst? Es ist zuallererst die Möglichkeit eines Aktions- und eines Artikulationsraums.
Und viel höher würde ich das gar nicht hängen, sondern es ist die Möglichkeit, in eine zeitgenössische Gesellschaft, in welcher Weise auch immer qua einer spezifischen Praxis zu intervenieren und dafür das zu verwenden, was es braucht, um etwas zu artikulieren oder bestimmte Zusammenhänge klar zu machen. Kunst tut das mit ihren Mitteln, Bildsprachen, Materialitäten, Intellektualitäten. Was genau das ist, ist dann eine Frage der jeweiligen Position.
Susanne Leeb / Professorin für zeitgenössische Kunst am Leuphana Institute for Advanced Studies in Culture and Society an der Leuphana Universität Lüneburg.
Das Interview führte Susanne Gupta (Koordination artothek berlin)
Anmerkungen
1 Susanne Leeb: Die Kunst der Anderen.: „Weltkunst“ und die anthropologische Konfiguration der Moderne, b_book Reihe PoLYpen, Berlin 2015
2 Die postkoloniale Stadt lesen.Historische Erkundungen in Friedrichshain-Kreuzberg
Mark Terkessidis und Natalie Bayer (Hrsg.),Verbrecher Verlag, Berlin 2022
Das Interview zur Ausstellung: Workshop – Ergebnisse im Pavillon am Milchhof: Folgen des Kolonialismus in der gegenwärtigen Kunstpräsentation 17.05.-21.05.2023 im Rahmen der Veranstaltungsreihe artothek berlin – Dialoge 2023.
Foto: Performance der namibischen Künstlerin Tuli Mekondjo anlässlich der Ausstellung © Tim Schnetgöke
